In Wietze können Sie bauen! Wir haben noch Platz für Neubürger!

Straßen: Zustandsberichte/alte Zeiten

Straßenzustandsberichte aus alten Zeiten

(von Paul Borstelmann aus seinem Buch »Die Geschichte der Gemeinde Wietze«)

Wir kennen sie aus den Rundfunksendungen. Dem Kraftfahrer geben sie wichtige Hinweise über Verkehrsbehinderungen, bedingt durch Überlastungen der Straßen, durch bauliche Maßnahmen mit den nicht immer zu vermeidenden Engpässen und den oft kilometerlangen Staus, bedingt wohl auch durch Witterungseinflüsse, durch Nebel und Glatteis. Beachtet er die Warnungen der Verkehrswacht, so können dem Autofahrer u. U. viel Schaden und Ärger erspart bleiben.

In diesem Beitrag soll allerdings nicht von dem Massenverkehr unserer hektischen Zeit die Rede sein. Wir entnehmen unsere Straßenzustandsberichte auch nicht den zeitgemäßen Kommunikationsmitteln, sondern alten Aktenvermerken und Protokollen. Schalten wir also zurück in eine Zeit, als man von Autobahnen und flotten Straßenkreuzern noch nicht zu träumen wagte, als eine Fahrt von Wietze nach Celle noch eine mühsame Tagereise war und den Verkehrsteilnehmern nichts weiter übrigblieb, als nach dem Motto zu leben: Eile mit Weile! Wie mag es damals um die Verkehrswege unserer engsten Heimat bestellt gewesen sein?

Viele unserer Mitbürger kennen sie noch, unsere alte Dorfstraße. Für die Viehtrift wie auch für die hochbeladenen Erntewagen musste noch ein unbefestigter Seitenstreifen frei bleiben. Doch was machte das schon! Dem Verkehr genügte sie vollauf, jedenfalls noch in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts. Die Linden beiderseits der Straßenränder spendeten an heißen Sommertagen kühlenden Schatten. Wenn sie blühten, dann erfüllte ihr Duft die sommerliche Welt und lockte ungezählte Bienen, den Honig für den Wintervorrat einzusammeln. Sie war eben eine rechte Dorfstraße, eine Straße mit Herz und Gemüt.

So alt war sie eigentlich noch nicht, denn erst in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde sie kunstmäßig ausgebaut. Davor aber war sie wohl 1.000 Jahre und mehr eine jener vielen unbefestigten Heer- und Handelsstraßen, die sich auf recht eigenmächtige Weise ihren Weg von Celle über Steinförde nach Nienburg bahnte. „Fast jeder Fuhrmann”, so heißt es in dem Straßenzustandsbericht des Wegebauinspektors Vaßmer, Celle, gerichtet am 17.11.1801 an die Celler Burgvogtei, „macht sich seinen eigenen Weg, wie die vielen tiefen, mit alter, langer Heide zum Teil schon wieder verwachsenen, in die kreuz und quer gehenden Geleise augenscheinlich und zur Genüge beweisen”.

Wie es zu der Zeit um die Verkehrsverhältnisse im Rutenbruch bestellt war, das entnehmen wir einem Protokoll der Hauptwegeschau vom 31.7.1830: „Die durch die Herrschaftl. Ovelgönner Forst laufenden Wege, und zwar von Celle nach Steinförde und von Celle nach Wieckenberg, befinden sich im besonderen im Rutenbruch und in den Tannen wegen ihrer moorigen Beschaffenheit in einem schlechten und bei der nassen Jahreszeit unfahrbarem Zustande."

Die Wegebauverwaltung verfügte die Aufmessung der nicht zu befahrenden Strecken. Sie beliefen sich
  • im Wege von Celle nach Wieckenberg (nach Abzug einiger kleinerer Abschnitte, die der Besserung nicht bedurften) auf 341 Ruten (= 1 589 m)
  • im Wege von Celle nach Steinförde auf 91 Ruten (= 424 m)
  • insgesamt auf 432 Ruten (= 2 013 m)

Es wurde angeordnet, „die Seitengräben zu erweitern und zu vertiefen, mit dem ausgeworfenen Sand aber die Wege auf einer Breite von einer Rute (4,66 m) um einen Fuß (0,30 m) zu erhöhen. Zusätzlich sollten die schlechtesten Stellen mit Busch (womöglich Wacholderbusch) unterlegt werden”.

Die Arbeiten waren von unseren Bauern durch Hand- und Spanndienste zu leisten. Doch das dauerte alles seine Zeit, und wenn Plessen Vater seine landwirtschaftlichen Erzeugnisse auf dem Celler Wochenmarkt verkaufen wollte, so konnte er froh sein, wenn er einigermaßen heil und trocken durch das Rutenbruch gekommen war. Da war die Wegstrecke auf dem Wald- und Heideboden zwischen Ovelgönne und Hambühren schon harmloser, wenn auch die Räder zuweilen tief in den lockeren Sandboden einschnitten. Die schlimmste Ecke stand ihm aber noch bevor. Es war das Dünengelände, das sich zwischen Hambühren und Celle als ein schweres Verkehrshindernis erwies.
Die alte Flurkarte verzeichnet eine verwirrende Fülle von Sandwegen, die hier, vielfach mit- und ineinander verschlungen, durch die weite Dünenlandschaft führten.

Auch über diesen Wegeabschnitt durch das Neustädter Holz gibt es einen „Straßenzustandsbericht”. Wir entnehmen ihn der Geschichte der Stadt Celle (Cassel 1, S. 267): „Von dem die Neustadt durchziehenden Nienburger Heerwege findet sich 1696 angemerkt, dass seit 45 Jahren auch nicht das geringste zu seiner Instandhaltung aufgewendet sei, obwohl fürstliche Durchlaucht, wenn sie in der Residenz anwesend sei, ihn ein um den anderen Tag zur Durchfahrt nach der Schäferei benutze."

Zwei Jahre später wird von diesem Straßenabschnitt gesagt, dass er für Pferde und Wagen kaum mehr wegsam sei und dass die Bauern gezwungen waren, sich gegenseitig durch Vorspann zu helfen, um nach der Stadt zu kommen. Die Anwesenheit des Königs von England, der sich mit dem Celler Herzog im Herbst 1698 mit Saujagden belustigte, veranlasste damals die fstl. Räte, schleunigst die Ausbesserung des Weges vornehmen zu lassen.

Unsere Jeverser Bauern umgingen am liebsten das Rutenbruch. Wollten sie nach Celle, so führte sie der Weg zunächst durch das unwegsame Gelände des Trannenbergs (Trannen = Wagengleise) bis an die Schafbrücke. Von dort ging es auf dem Jeverser Kirchweg über Südwinsen und Oldau nach Hambühren. Der Endspurt durch das Dünengelände zwischen der Bocksbrücke und der Celler Neustadt blieb natürlich auch ihnen nicht erspart.

Inzwischen haben sich die Zeiten grundlegend gewandelt. Heute gibt es keinen Ort unseres Heimatkreises, der nicht auf gut ausgebauten Straßen zu erreichen wäre. Die Straßenzustandsberichte von einst gehören der Vergangenheit an. Unsere Wietzer Dorfstraße, noch vor wenigen Jahren ein Alpdruck für die Kraftfahrer, wurde in fünfjähriger Arbeit in einer Breite von 18,5 m ausgebaut. Am 8.9.1973 konnte sie in einem feierlichen Festakt dem Verkehr übergeben werden.
Eine Fahrt nach Celle? Sie ist längst keine mühsame Tagesreise mehr. In wenigen Minuten durchfährt man das einst so gefürchtete Rutenbruch, und die paar Bodenwellen kurz vor Celle dürften kaum Erinnerungen an die Sandwüsten im Dünengelände des Neustädter Holzes wecken. Straßenzustandsberichte sind allerdings immer noch nötig, trotz des Fortschritts. Vielleicht auch wegen des Fortschritts.

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